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Zeitzeugenberichte
Leben an der Grenze

Nach dem Abbau der Grenzanlagen behielt Frau H. das Schild zur Erinnerung - Foto: PrivatbesitzNach dem Abbau der Grenzanlagen am Jungfernsee behielt Frau H. das Schild zur Erinnerung - Foto: Privatbesitz

Frau H. (wohnhaft in der Schwanenallee von 1971 bis 2002)

Frau H. wohnte seit 1965 mit ihrem Mann H. in der Berliner Straße. Als ihre Tochter älter wurde (5 Jahre), ließ sich die Beengtheit der Souterrainwohnung kaum noch aushalten. Alle Anträge auf mehr Wohnraum wurden von den Behörden jedoch abgelehnt, da freie Wohnungen knapp waren. So verfasste das Ehepaar (beide in pädagogischen Berufen tätig) einen Brief an die Stadtschulrätin, in dem sie androhten, nicht zur Wahl zu gehen, falls sie keine bessere Wohnung bekämen. Wer in der DDR nicht zur Wahl ging, beging bereits eine widerständige Handlung gegen die Staatsmacht SED. Die Drohung zeigte Wirkung.

Garten der Schwanenallee 11 mit angrenzenden Sperranlagen (verbotene Privataufnahme, 1972) - Foto: Privatbesitz

Garten der Schwanenallee 11 mit angrenzenden Sperranlagen (verbotene Privataufnahme, 1972) - Foto: Privatbesitz

Wenig später kam die Stadtschulrätin persönlich vorbei und unterbreitete ihnen ein Wohnungsangebot. Im Januar 1971 zog Familie H. in die Schwanenallee. Die Schwanenallee gehörte zum Grenzgebiet und war nur über den Kontrollpunkt vor der Glienicker Brücke / Villa Schöningen zu passieren. Die Hausnummern 11 und 12 am Ende der Straße waren dagegen auf einen Antrag hin schon 1968 aus dem Grenzgebiet herausgenommen worden. Der »Schwarze Weg«, eine unasphaltierte Zufahrtsstraße, führte von dort zur Tizianstraße. Die Bewohner der beiden Häuser lebten also, obwohl sie den direkten Blick auf die Grenzanlagen und den Jungfernsee hatten, nicht im Grenzgebiet und konnten sich ohne Passierschein frei bewegen. Von den eigentlichen Nachbarn in der Schwanenallee waren die Bewohner der Häuser 11 und 12 vollständig abgeschottet. In der Schwanenallee 12 war neben Wohnungen noch ein Lager für Kosmetik des VEB Londa untergebracht. Für die Anlieferung entstand ein Wendekreis am Ende des Schwarzen Weges. Dort wurden von den Anwohnern privat drei Fertigteilgaragen gebaut, von denen Familie H. eine gehörte.

Grenzbefestigung bei Nacht mit Blick auf die Flutlichtanlagen auf der Sacrower Seite 1975 - Foto: Privatbesitz

Grenzbefestigung bei Nacht mit Blick auf die Flutlichtanlagen auf der Sacrower Seite, 1975 - Foto: Privatbesitz

Das große Haus in der Schwanenallee 11 war 1950 in das sozialistische Volkseigentum der DDR übergegangen und wurde vom Rat der Stadt Potsdam verwaltet. Dieser vergab die vier Wohnungen nach Berufssparten: zwei Kontingente für die Volksbildung und je eines für die Volkspolizei und die Nationale Volksarmee. Die Vormieter von Familie H. waren ebenfalls Lehrer. Neben dem zweiten Lehrerhaushalt und einem Volkspolizisten lebte ein Major der NVA mit seiner Familie im Haus. Kraft seines Amtes war er der einzige Bewohner, der die Abkürzung unmittelbar am Grenzzaun bis zur Böcklinstraße nehmen durfte. Er hatte drei Töchter, und Frau H. berichtet, dass sich die Grenzsoldaten immer in der Nähe ihres Hauses aufhielten, um die jungen Mädchen zu umwerben. Sogar der Grenzzaun soll leicht verbogen gewesen sein, da sich die jungen Männer immer wieder über den Zaun lehnten. Abgesehen davon war der Kontakt zu den Grenzsoldaten reserviert, aber freundlich. In der ersten Silvesternacht in der Schwanenallee stellte das Ehepaar W. beispielsweise zwei Gläser und eine Flasche Sekt an den Gartenzaun, die wenig später von den diensthabenden Grenzsoldaten konsumiert wurde.

Im Laufe der Jahre veränderten sich die Grenzanlagen vor dem Haus der Familie H. Gab es Anfang der 1970er Jahre drei etwa zwei Meter hohe Grenzzäune, kamen nach und nach weitere Sicherungsmaßnahmen hinzu. Hundezwinger wurden aufgestellt. Für Frau H. war es ein bedrückender Anblick zu sehen, wie die Tiere vereinsamten, sie bekamen außer dem hingestellten Futter nie eine Streicheleinheit. Die Zäune wurden höher, der Hinterlandzaun durch eine Mauer ersetzt. Frau H. erinnert sich daran, dass dies erst im 25. Jahr des Mauerbaus, also 1986, geschah. Sie nahm die letzte Sicht auf den idyllischen Jungfernsee. Schließlich wurde noch ein Wachturm zwischen Haus Nummer 11 und 12 gebaut. Da die Tätigkeit der wachhabenden Soldaten wenig abwechslungsreich war, spähten diese immer wieder gern auf die Terrasse des Wohnhauses, sehr zum Ärger von Frau H. Außerdem erinnert sie sich an die lauten Motorboote der Bootskompanie, die sich wohl aus Langeweile Wettrennen lieferten. Ab und zu kam Hundegebell auf. An das Geräusch von Schüssen kann sie sich jedoch nicht erinnern. Ein weiteres Ärgernis war, dass der Grenzbereich durch die Grenztruppen jedes Jahr im Frühling mit Pestiziden besprüht wurde. Insgesamt beschreibt sie das Leben an der Schwanenallee jedoch als sehr ruhig und angenehm.

Im Haus gab es nur in der Wohnung des Lehrers einen Telefonanschluss, der jedoch von Familie H. genutzt werden konnte. Nach 1989 stellte sich heraus, dass dieser Nachbar für die Stasi gespitzelt und private Details aus den Telefonaten, die in seiner Wohnung geführt wurden, an die Stasi weitergegeben haben könnte. Die Führung des Hausbuchs, welches in jeder Wohnanlage zur Auflistung der Bewohner und Gäste verwendet werden musste, oblag dem Major. Dies war insbesondere für Besuch aus dem Westen relevant. Familie H. sah regelmäßig Westfernsehen. Im Jahr 1986 reiste die Tochter per Ausreiseantrag in den Westen aus. Über die Details hatte sie nicht mit ihrer Mutter gesprochen – wahrscheinlich, um sie zu schützen. Nach dem Bekanntwerden stellte die befreundete Familie aus dem Nachbarhaus, der Schwanenallee 12, jeglichen Kontakt zur Familie H. ein. Sie waren Mitarbeiter des MfS. Als Begleitung ihrer körperlich beeinträchtigten Mutter durfte Frau H. ihre Tochter Ende der 1980er Jahre in Westdeutschland besuchen.

Aufnahme aus der Schwanenallee 11 auf die Sperranlagen mit Hundezwinger und Todesstreifen - Foto: Privatbesitz

Aufnahme aus der Schwanenallee 11 auf die Sperranlagen mit Hundehütte und Todesstreifen - Foto: Privatbesitz

Den Nachmittag des 10. November 1989 verbrachte das Ehepaar H. mit Freunden auf der Terrasse. Am Tag hatten sie erfahren, dass die Glienicker Brücke noch geschlossen bleiben sollte. Als gegen 18 Uhr plötzlich lautes Geschrei ertönte, eilten sie wieder an die Brücke und erlebten die Grenzöffnung der ehemaligen »Brücke der Einheit«. Auf der Brücke kam ihnen ein Westberliner Ehepaar entgegen. Spontan fielen sie sich in die Arme und luden das Ehepaar auf einen Sekt zu ihnen nach Hause ein. Noch heute besteht die Freundschaft und beide Familien fahren zusammen in den Urlaub. In Erinnerung geblieben ist Frau H., dass zwischen 1989 und 1990 viele LKWs zum Haus Nummer 12 gefahren kamen. Der Schornstein sei ständig in Betrieb gewesen. Da Vater und Söhne der ehemals befreundeten Nachbarn alle hauptamtlich beim MfS beschäftigt waren, vermutet sie, dass hier wichtige Akten der Staatssicherheit im Heizofen vernichtet wurden. Ihre eigene Stasi-Akte sei bis heute verschollen.

Nachdem die mittlerweile in den USA lebenden Nachfahren des Vorbesitzers, eines königlichen Baumeisters, kein Interesse an dem Gebäude hatten, wurde es an eine Familie verkauft. Für den Auszug wurde eine Abfindung vereinbart. Frau H. zufolge verliefen die Gespräche sehr respektvoll. Das Haus war bei ihrem Auszug im Jahr 2002 in einem heruntergekommenen Zustand. Außer ein paar oberflächlichen Notreparaturen an der Wasserleitung und am Dach war zu DDR-Zeiten nie etwas an dem Haus gemacht worden. 2002 zog sie mit ihrem Mann wieder in die Berliner Straße.

 

 

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